Die autonomen Besetzungstage in Leipzig: Ein Rückblick und Fazit

Einige Zeit ist vergangen, seit im Oktober 2025 die Autonomen Besetzungstage in Leipzig begannen. Wir haben uns Zeit gelassen, uns von den Aktionstagen zu erholen und bei den Besetzer*innen trudeln die ersten Vorladungen ein. Wir wollen nun mit etwas Abstand zurückblicken. Was ist eigentlich alles passiert, wie liefen die Aktionen und was können wir für die Zukunft daraus ziehen? In den folgenden Zeilen wollen wir chronologisch die Tage Revue passieren lassen und am Ende noch mal mit einem größeren Blickwinkel und selbstkritisch auf die gesamte Zeit schauen. 

Ganz unten haben wir Texte verlinkt.

WAS IST PASSIERT?

Am Freitag, den 10. Oktober haben die ABeTa, im Anschluss an eine kraftvolle Kundgebung gegen Mietpreiserhöhung und Gentrifizierung mit der Besetzung der Henri in der Lützner Straße 99 begonnen. Schnell waren Unterstützer*innen, unter ihnen auch Anwohner*innen und einige Kundgebungsteilnehmende vor Ort und haben die Besetzung begrüßt. Das Küfa-Team von der Kundgebung ist kurzerhand vor die Henri umgezogen und hat die Menschen vor Ort versorgt.

Nach 2 Stunden fuhren die erste Polizeiwanne und das Ordnungsamt auf, sichtlich überfordert mit der Situation – die letzte Hausbesetzung in Leipzig war ja nun schon einige Zeit her gewesen, da kommt man etwas aus der Übung. Das hat sie aber nicht davon abgehalten, Drohnen einzusetzen, Nachbarn den Zugang zu ihren Wohnungen zu verwehren und ihren berechtigten Protesten mit Gewalt zu begegnen.

Anders als wir es in Leipzig gewohnt sind, haben sie nach 22 Uhr noch mit der Räumung des Hauses begonnen. Die Besetzer*innen berichteten im Nachgang von dem brutalen Vorgehen dabei, auch die Unterstützer*innen konnten durchs Fenster beobachten, wie eine Person zu Boden geworfen wurde. Nach etwa 1,5 Stunden Polizeimaßnahme verließen die Besetzer*innen die Henri und wurden von der Kundgebung vorm Haus empfangen.

Am nächsten Morgen waren die ABeTa in der Leipziger Lokalpresse angekommen, unterstützt durch die Nachricht: Ein neues Haus wurde besetzt! Vor der „Waldi“ waren kaum Unterstützer*innen vor Ort. Die, die da waren, wurden aber mittags bei der Räumung des Hauses mit der Nachricht belohnt, dass die Besetzer*innen der Waldi von der Polizei nicht aufgefunden wurden.

Diesen Frust mussten die Cops natürlich irgendwo ablassen und haben das dann am Sonntag, den 12.10., vor der „Villa Krause“ in der Julius-Krause-Straße 8 getan. Die Villa Krause ist ein Haus im Leipziger Osten, das an diesem Morgen für die Nachbarschaft und alle Interessierten geöffnet wurde. Auf dem Grundstück wurden viele schöne Gespräche geführt, es gab Kaffee und Kuchen und die Möglichkeit, sich das Haus von innen anzusehen. Unweit von der Villa Krause gab es gegen Mittag außerdem einen solidarischen Bannerdrop, um noch mehr Anwohnende und Passant*innen auf die Öffnung des Hauses aufmerksam zu machen. Gemeinsam haben die Menschen vor Ort sich ausgetauscht, was mit diesem wunderschönen Gebäude passieren könnte. Zu dem geplanten Nachbarschaftstreff, bei dem diese Ideen gesammelt und konkretisiert werden sollten, kam es allerdings nicht.

20 Minuten vor Beginn des Treffens kam eine Horde aus etwa 60 Cops in voller Montur anmarschiert und verwies die Versammlung vom Grundstück. Einige Versammlungsteilnehmende, die gerade in Begriff waren zu gehen, zerrten sie dann doch noch wieder zurück, um ihnen kurzerhand vorzuwerfen, sie wären die Besetzer*innen und hätten Hausfriedensbruch begangen. Aus der Traum von einem neuen gemeinschaftlichen Raum in Sellerhausen.

Am nächsten Abend erreichte uns eine Nachricht, die diesen Frust etwas erträglicher machte: Im Westen gab es eine Scheinbesetzung in einem leerstehenden Eckhaus. Es wurden Banner aufgehängt, die das Haus als eines von den zahlreichen Leerständen in Leipzig markierten.

Zwei Tage später, am Mittwoch, den 15.10., wurde im Osten das „Eineck“ von „Leipzig Besetzen“ besetzt. In dem riesigen Eckhaus an der Einertstraße sollte ein neues soziales Zentrum und bezahlbarer Wohnraum entstehen. Schnell sammelten sich solidarische Unterstützer*innen und versorgten die Besetzer*innen mit allem, was sie brauchten. Außerdem verschönerten sie die Hausfassade und die Umgebung mit Luftballons und Girlanden. Die Besetzer*innen meldeten sich immer mal wieder von drinnen und so blieb die Stimmung trotz mangelnder Infrastruktur vor dem Haus gut. Auch wenn viele schöne Gespräche zwischen den solidarischen Menschen vor Ort entstanden, fehlte Einigen die Möglichkeit, sich mit den Anwohner*innen zu vernetzen. Was hier noch hätte passieren können, wurde nach wenigen Stunden durch die Polizei zunichte gemacht. Obwohl die Bullen zum Zeitpunkt der Räumung und unseres Wissens nach auch bis jetzt immer noch keinen Kontakt zum Eigentümer hatten, hielt sie das nicht davon ab, die neuen Bewohner*innen des Einecks mit einem riesigen Aufgebot an Polizeikräften rauszuschmeißen. Nachdem die Cops es nicht geschafft hatten, durch die Vordertür reinzukommen, wurde der Versuch über den Hinterhof weitergeführt. Dafür sind sie über Privatbalkone von den Nachbar*innen geklettert und haben diese auch sonst sehr unfreundlich und rabiat behandelt. Die Besetzer*innen erzählten später ebenfalls von übertrieben gewaltvollem Verhalten der Polizei, erfreuten uns aber auch mit Geschichten über deren Inkompetenz. So haben sie sich wohl auf dem Weg die Treppe herunter verlaufen und Ewigkeiten nach einem vermeintlichen neunten Banner gesucht, obwohl am Haus nur acht Banner hingen. 

Während der Besetzungstage und auch danach erreichten uns viele Zusendungen von Aktionen in Solidarität mit den ABeTa. Das hat uns sehr gefreut, schließlich begannen die Aktionstage mit einem Aufruf, sich selbst zu beteiligen. Es wurden Banken, Immobilienbüros, Schlüsseldienste und Polizeiwachen angegriffen und es gab mehrere Spontandemonstrationen. Nach der Räumung des Einecks wurde über Indymedia für Freitag, den 17.10., zu einem Massencornern auf der Eisi aufgerufen. Wir haben uns gefreut, dass sich die Straße genommen und so ein Raum für die Emotionen und die Wut geschaffen werden sollte, die in den letzten Tagen durch die extrem schnellen Räumungen aller Besetzungen entstanden waren. 

Über mehrere Banner an den Besetzungen sowie weiteren leerstehenden Häusern wurde Solidarität mit anderen Autonomen Zentren und Besetzungen deutschland- und europaweit gezeigt. Zufälligerweise wurden im gleichen Zeitraum verschiedene Häuser in anderen Städten besetzt: der Bierpinsel in Berlin, das Korner in Bremen und in der Innstraße in Rosenheim. Außerdem gab es einige Solibanner aus anderen Städten an die ABeTa.

EINORDNUNG UND REFLEKTION

Während der Aktionstage ist bei uns oft Frust und Enttäuschung aufgekommen. Durch die schnellen und gewaltvollen Räumungen der Häuser haben wir uns oft machtlos und klein gefühlt. Zwei Ziele haben die Cops mit ihrem Vorgehen erreicht: uns für kurze Momente die Hoffnung zu nehmen und die Möglichkeit auf weitere Mobilisierung und Vernetzung (vor allem der Anwohnenden und des Kiezes) zu zerschlagen.

Diese Hoffnungslosigkeit hat sich für uns auch in den verhältnismäßig kleinen Mengen an Unterstützer*innen vor den Häusern gezeigt. Hausbesetzungen scheinen nicht mehr so viel Mobilisierungspotenzial zu haben wie noch vor einigen Jahren. Da nur recht wenig Menschen vor Ort waren und durch die schnellen Räumungen wenig Eigeninitiative entstehen konnte, wäre es gut gewesen, wenn die Kundgebungen vor den Häuser besser vorbereitet gewesen wären. Das hätte im vorhinein unsere Kapazitäten gesprengt und ist leider hinten runter gefallen. Mit mehr Bündnisarbeit mit bereits bestehenden Initiativen und breitere Vernetzung in den Monaten vorher hätte es mehr Ressourcen gegeben, um auch diese Arbeit zu übernehmen. Ein anderer Ansatz den wir hätten wählen können, wäre eine offenere Vorbereitung der Aktionstage gewesen, um mehr Leute in den Prozess einzubeziehen.

Trotzdem sind durch die Masse an Aktionen und die Länge der Aktionstage die Besetzungen und ihre Forderungen in der Öffentlichkeit angekommen. Wir waren beeindruckt von der Menge an überwiegend positiver Presse und Feedback, die die Besetzungen hervorgerufen haben. Leider haben wir es nicht geschafft, die Welle an Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten und zu nutzen, um neue Energie in den Kampf gegen Gentrifizierung und die aktuellen Eigentumsverhältnisse zu stecken.

Uns ist aufgefallen, dass durch die Besetzungen und Soliaktionen szenetypische Aktionsformen überwogen haben. Wir hätten es schön gefunden, wenn auch andere Aktionen vertreten worden wären, die die Beteiligung von mehr Menschen ermöglicht und die Aktionstage anschlussfähiger gestaltet hätten. 

Wir glauben, dass Außenstehende teilweise nicht wirklich mitbekommen haben worum es bei den öffentlichen Aktionen ging. Das finden wir schade, weil der Kampf gegen die bestehenden Eigentumsverhältnisse kein nischiges linkes Thema ist. Die Wut über immer teurer werdende Mieten, Verdrängung von nicht-kommerziellen Orten und unfreundliche Vermieterschweine vereint uns mit den Menschen, die genauso wie wir von den miserablen Zuständen betroffen sind. Deshalb finden wir es umso trauriger, dass diese Verbindung kaum noch herzustellen und aufrechtzuerhalten ist.

EMOTIONEN
Wir haben uns außerdem gefragt, inwiefern es sich aktuell noch um echte Emotionen handelt, die wir versuchen auf die Straße zu tragen. Die Hoffnung auf neue Freiräume und der Wille die Räume zu halten sind überschattet von den unvermeidbaren Räumungen, bei denen das System seine krasse Übermacht demonstriert. Die sich immer wiederholende Zerstörung unserer Träume hinterlässt uns oft nicht mehr wütend sondern nur noch resigniert. Aktionen, in denen wir unsere Wut auf die Straße tragen wollen, fühlen sich für einige von uns dadurch nur noch performativ an.

Aber für uns ist Aufgeben keine Option. Solange Menschen durch dieses System und dessen Eigentumsverhältnisse in immer prekärere Lebensverhältnisse gezwungen werden, können wir nicht aufhören, für ein solidarisches Zusammenleben und für Freiräume zu kämpfen. Ohne Wut, Hoffnung und Verbundenheit können wir den Kampf nicht gewinnen.

STRATEGIEN
Um der Resignation entgegen zu wirken, haben wir uns mit den Aktionstagen dafür entschieden, nach einer Räumung nicht einfach aufzuhören, sondern sofort neu zu besetzen. Das hat uns geholfen mit der aktuellen Aussichtslosigkeit von Besetzungen umzugehen und lässt uns auch rückblickend die Tage als Erfolg einschätzen.

Für uns hat es gut geklappt, für einander da zu sein. Wir haben es geschafft, uns vor, während und nach Aktionen gegenseitig aufzufangen. Das wollen wir weiterhin Teil unserer Praxis sein lassen.

Besonders positiv blicken wir auf die Besetzung der Villa Krause zurück. Das Konzept der offenen Besetzung hat von Besucher*innen und Anwohner*innen viel Zuspruch bekommen. Die Anwesenden konnten durch die Möglichkeit, sich das Haus selbst von innen anzuschauen, noch einen ganz neuen Zugang zu Besetzungen und was aus ihnen werden kann, erhalten. Ein weiterer Vorteil: Die Menschen, die die Villa für alle geöffnet hatten, hat die Polizei bei ihrer Erstürmung des Geländes nicht erwischt.

FAZIT
Wir haben die Autonomen Besetzungstage mit ihrer Masse an Aktionen genutzt, um neue Aktionsformen auszuprobieren, um gemeinsam zu lernen und den Erfolg verschiedener Besetzungsformen zu testen. Wir hatten viele große und kleine verbindende, hoffnungsvolle und schöne Momente. Das sehen wir als klaren Gewinn. 

Auch wenn Besetzungen immer schwieriger werden, möchten wir euch motivieren, selbst aktiv zu werden, neue Strategien auszuprobieren und immer weiter zu besetzen!

Was ist aus den Häusern geworden? *sad punk music playing*

Die Eingangstür der Henri wurde nach wenigen Tagen zugemauert. 

Vor der Waldstraße stand bereits am Tag danach jemand und hat das Haus neu gestrichen.

An der Wand von der Villa Krause erinnern noch Kreidezeichnungen an die schönen Stunden, die wir dort verbracht haben.

Im Eineck leuchtete auch Tage später noch eine Lichterkette im Fenster und hängt immer noch dort.

Texte:
zur rechtlichen Einordnung von Hausbesetzungen: https://raannamariamueller.wordpress.com/2025/11/27/hausbesetzungen-und-die-frage-von-legalitat-und-legitimitat/

Die Nutzungskonzepte der Häuser:

Henri: https://abeta.noblogs.org/nutzungskonzept/

Villa Krause: https://abeta.noblogs.org/nutzungskonzept-2/

Eineck: https://abeta.noblogs.org/nutzungskonzept-3/

Ein schöner Text über Hoffnung: https://de.indymedia.org/node/505786

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